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Angeklagter schweigt im Mordprozess um vermisste Schülerin

7 August 2019

Berlin - Es sind 16 Minuten, in denen sich das Schicksal der Berliner Schülerin Georgine Krüger entschieden haben muss. Am 25. September 2006 stieg sie nach der Schule um 13.50 Uhr aus dem Bus, keine 200 Meter von ihrer Wohnung im Stadtteil Moabit entfernt, wie ein damaliger Ermittler am Mittwoch im Prozess um den mutmaßlichen Mord an der 14-Jährigen schildert.

Zu Hause kam Georgine nie an. Um 14.06 Uhr war ihr Handy das letzte Mal in der nahen Funkzelle eingeloggt. «Dazwischen muss irgendetwas passiert sein, was keiner beobachtet hat», sagt der 56-jährige Hauptkommissar als Zeuge vor dem Landgericht in der Hauptstadt. Das spurlose Verschwinden von Georgine war über Jahre einer der bekanntesten Vermisstenfälle in Deutschland.

Auf der Anklagebank sitzt nun ein Deutscher mit türkischen Wurzeln. Der mutmaßliche Mörder schweigt am zweiten Prozesstag. «Der Angeklagte wird sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht äußern», sagt sein Verteidiger. Hinter Panzerglas hört der Familienvater aus der Nachbarschaft des verschwundenen Mädchens konzentriert zu. Er war bereits 2013 wegen sexuellen Missbrauchs einer Jugendlichen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.

Der 44-Jährige soll Georgine in einen Keller seiner Wohnung gelockt, vergewaltigt und erwürgt haben. Der Angeklagte habe die arglose Schülerin mit einem Metallgegenstand geschlagen, bis sie bewusstlos auf dem Boden liegen blieb, trägt Staatsanwältin Ilka von Koppenfels nüchtern die Anklage vor. Dann habe er sich an ihr vergangen. Um eine Anzeige des Mädchens zu verhindern, habe der Mann Georgine getötet. Die Leiche wurde nie gefunden.

Anfangs sei treppauf, treppab, von Haustür zu Haustür nach dem Mädchen gesucht worden, so der Kommissar. Georgine galt als zuverlässig. Keller seien auf freiwilliger Basis kontrolliert worden. Laut Staatsanwältin soll der Keller des Angeklagten, der in derselben Straße wie Georgine wohnte, nicht dabei gewesen sein. Erst 2016 geriet der Mann ins Visier der Ermittler im Fall Georgine. Dann wurden verdeckte Ermittler eingesetzt. Der Angeklagte sitzt seit Dezember 2018 in Untersuchungshaft.

Bei den intensiven Ermittlungen wurden auch Sexualstraftäter überprüft. In der Umgebung des mutmaßlichen Tatorts seien es 150 gewesen, so der Polizei-Zeuge. «Aber wir hatten nicht viel in der Hand.»

Anwalt Roland Weber, der die Mutter des Mädchens als Nebenklägerin vertritt, meint am Rande, bislang gebe es keine objektiven Beweise, die Anklage beruhe auf den Aufzeichnungen eines verdeckten Ermittlers, dem der Angeklagte von dem Mord berichtet habe. Die spannende Frage sei, warum sich der Verdächtige gegenüber dem verkabelten Ermittler, der über Monate ein Vertrauensverhältnis aufgebaut haben soll, zu Georgine äußerte und ob es stimmt. Wollte er sich wichtig tun? Wurde er durch den V-Mann gefragt, ob er für 100 000 Euro einen Mord begehen würde und ob er mit der Tötung eines Menschen Erfahrung habe?

Der Angeklagte soll seinem vermeintlichen Freund auch erzählt haben, dass er Georgine in einem Müllcontainer auf dem Hof des Hauses «entsorgt» habe. Bei der Polizei soll der Angeklagte den Mord bestritten haben.

Die Mutter des Mädchens ist am Mittwoch nicht im Gericht. Anwalt Weber sagt: «Frau Krüger kommt erstmal nicht. Die Belastung ist einfach zu groß.» Über Jahre habe die Mutter eine Resthoffnung gehabt, dass ihre Tochter noch lebt. Nun seien sich die Ermittler sicher, dass Georgine Opfer eines Verbrechens wurde.

Indes wird im Saal 700 das Leben der 14-Jährigen aufgerollt. Der Hauptkommissar, der damals ermittelte, schildert Georgine nach Befragungen von Menschen aus ihrem Umkreis als offenherzig, kontaktfreudig sowie naiv und ohne Risikobewusstsein. Ihr großer Traum sei eine Karriere als Model oder Schauspielerin gewesen. Am Tag ihres Verschwindens habe sie bei einer Casting-Agentur eine kleine Rolle in der Serie «Türkisch für Anfänger» zusagen wollen. «Dieser Anruf hat nie stattgefunden.»

Der Prozess um Georgine wird am Donnerstag fortgesetzt (10.45 Uhr).

(Quelle: dpa)